Peter Heigl

Einsteins “Tief religiöser Unglaube” - Religion der Zukunft


Etwa 54 Prozent der Bevölkerung Deutschlands gehören einer der großen Kirchen an (Stand 2018). Einige Prozent sind Muslime, Buddhisten, Juden.

Und der große Rest? Ohne Religion? Ohne religiöses Bekenntnis? Freireligiös? Antireligiös?  Religionsfeinde? Indifferent? Frei schwebende Spiritualität? „Oben ohne“?

Alles ist heute möglich, Gott sei Dank, oder der Aufklärung sei Dank!

Prognosen sagen: Im Jahr 2040 werden weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung einer der großen Kirchen angehören.

Werden sie alle „Ungläubige“ sein? Dezidierte Atheisten?  Militante Atheisten?

Danach sieht es nicht aus. Spiritualität in verschiedenster Form ist „in“.  Östliche Religionen, esoterische Gemeinschaften, kleinere christliche und andere Religionsgemeinschaften blühen.

Besonders interessant im Konzert der Möglichkeiten: Albert Einsteins „Kosmische Religiosität“.

Seine in späten Jahren entwickelte Idee ist ein Bekenntnis zur Humanität,

zum Frieden, zu Solidarität unter allen Menschen, ein Bekenntnis zum Wahren, Guten und Schönen.

Hier knüpfte Einstein an den philosophischen Glauben der antiken Philosophen an. Er hat sich verabschiedet von einem Glauben, den er in einer religiös verkrusteten Umgebung vorfand, von Glaubensformen, die nicht unter einen Hut zu bringen waren mit Wissenschaft und Werten, die dem modernen Menschen seit der Aufklärung ans Herz gewachsen sind: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung! Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit!

„Ohne religiöses Bekenntnis“ bedeutet aber nicht „religionslos“!

Einstein hat es vorgelebt. Er nannte sich „ohne religiöses Bekenntnis“ bzw. „konfessionslos“.

Er blieb sein Leben lang dem jüdischen Volk verbunden, konnte sich aber nicht mehr identifizieren mit der jüdischen Religionspraxis. Auch andere religiöse  Organisationen sah er mit Skepsis.

Er fand schlicht und einfach keine Religionsgemeinschaft vor, die seinem scharfen Verstand und seinem Anspruch genügte.

Er wollte sich aber auch nicht atheistisch oder religionslos nennen. Auch die Religions-Feinde seiner Zeit waren ihm zu dogmatisch – und zu gefährlich:

Er hat erlebt, was anti-religiöse Ideologien angerichtet haben: Die Verfolgung von „Andersgläubigen“ forderten ebenso Millionen von Menschenopfern wie  Religionskriege:  Nationalsozialismus ca. 20 Millionen, Marxismus-Leninismus  ca. 20  Millionen, Maoismus ca. 40 Millionen Tote.

Einsteins Weg wurde die „kosmische Religion“.  Auch ohne Mitglied einer bestimmten Religion zu sein, nannte er sich religiös.

Er drückte es so aus: „…man wird zum tief religiösen Ungläubigen. Dies ist eine einigermaßen neue Art von Religion.“


(Brief von Albert Einstein an Hans Mühsam, 30.März 1954;
Einstein-Archiv 38-434; zit.n. Einstein sagt. Zitate. Einfälle. Gedanken.
Hrg.A.Calaprice, Piper München Zürich, 7. Auflage 2005, S. 185)
 

Mit dieser Position baut er eine Brücke zwischen „Gläubigen und „Ungläubigen“, wie man früher gesagt hätte. Diese unselige Trennung ist heute  überholt.

Kluge Gläubige glauben heute nicht mehr so, wie man noch vor wenigen Jahren zu glauben hatte, und kluge Religionskritiker bauen heute Brücken zu spirituellen Dimensionen des menschlichen Daseins, siehe Einstein.

Die Gretchenfrage heißt heute nicht mehr: „Nun sag´, wie hast du´s mit der Religion?“ Sondern: „Wie hast du´s mit der Menschlichkeit? Wie hast du´s mit der Menschenwürde? Wie hast du´s mit der Gleichberechtigung? Was denkst Du über soziale und ökologische Gerechtigkeit? Was tust du dafür?“

Religiöse Streitfragen gehören einer früheren Zeit an. Nur schlichte Gemüter, weniger gebildete Massen werden dogmatischen Glaubensformen kritiklos folgen.

Eine offene, weitherzige, kosmopolitische Form der Religion hat Zukunft. Sie ist nicht Gegnerin traditioneller Formen, sondern kann sich geschwisterlich verbunden sein mit allen Formen der traditionellen Religion, sofern sie offen sind für die Werte der Aufklärung.

Enges Konfessionsdenken passt nicht mehr in unsere Zeit. Das haben die meisten Menschen in den modernen Gesellschaften erkannt, auch viele religiöse Oberhäupter. Viele denken heute inter-konfessionell, viele bereits inter-religiös.

Man kann jeden Menschen beglückwünschen, wenn er eine spirituelle Heimat findet, die ihn inspiriert, die ihm ein lebenswertes und liebenswertes geistig-spirituelles Biotop bietet. Es kann in einer Kirche sein oder in einer anderen Gemeinschaft.

Religionen, Philosophien, politische Theorien haben sich mühsam entwickelt: von Engstirnigkeit zu Weitherzigkeit, von Kriegseifer zu Friedensbereitschaft.

Wir sind noch lange nicht am Ende unserer spirituellen Entwicklung angelangt.

Doch die Oasen der Menschlichkeit gibt es, sowohl in den Religionen, im Christentum und Judentum, im Buddhismus und anderen religiösen und spirituellen Gemeinschaften. Wir müssen die Geduld haben, sie wachsen zu lassen. Und wir müssen die Disziplin haben, und den Mut, etwas dafür zu tun.

Ich wage zu sagen: Dezidiert oder gar militante anti-religiöse Positionen bringen die Menschheit nicht weiter.  Auch diese Positionen haben sich erledigt und sind nicht mehr zeitgemäß.

Für reife Menschen in einer reifen Gesellschaft gilt: eine freie, entspannte, offene Form der Religiosität ist die Religion der Zukunft! 

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